BAULICHE UND KÜNSTLERISCHE BEZÜGE ZUR GESCHICHTE OSSINGENS

SOWOHL DIE ARCHITEKTUR WIE AUCH DIE KUNST AM BAU DER SIEDLUNG ORENBERG GREIFEN DIE GESCHICHTE OSSINGENS AUF UND FINDEN AUF DIESE EINE ANTWORT, DIE IN DIE HEUTIGE ZEIT PASST.

Im Falle der Architektur bedeutet dies, dass zum Beispiel der Rhythmus zwischen nah beisammen stehenden Gebäuden und geräumiger Umgebung sich ans historische Dorfbild anlehnt. Im Wohnkomfort und im Innenausbau sind die Wohnungen auf der Höhe unserer Zeit. Mehr dazu erfahren Sie im Interview von Katharina Flieger mit den Architekten Philipp Brunnschweiler und Oliver Erb des Büros BDE Architekten GmbH:

Weiter­ent­wicklung eines histori­schen Dorfes – die Siedlung Orenberg in Ossingen

Die Siedlung «Orenberg» vereint in sich verschiedene Bezüge zur baulichen Geschichte des Ortes. Interview mit den Architekten Philipp Brunnschweiler und Oliver Erb vom Büro BDE Architekten GmbH.

In Ossingen entsteht am Orenberg eine neue Siedlung für rund 120 Personen – wie kam es zu diesem umfangreichen Bauprojekt?

 

Die Gemeinde Ossingen kam nach strategischen Überlegungen zur künftigen Entwicklung zum Schluss, dass ein substanzielles Wachstum erwünscht sei. Ein solches war unter anderem beim Grundstück Orenberg möglich – einer Reservezone, die nun zur Wohnzone umdeklariert wurde. Dabei ging die Gemeinde mit aussergewöhnlichem Weitblick vor und die Einzonung wurde an zahlreiche Auflagen geknüpft: Bedingungen waren ein Architekturwettbewerb und damit zusammenhängend ein Gestaltungsplan für das gesamte Areal. Weiter lautete die Vorgabe, mindestens 40% der Fläche für Mietwohnungen zur Verfügung zu stellen und die Neubauten an die bestehende Holzschnitzelheizung anzuschliessen. Im Frühjahr 2012 wurde der Wettbewerb ausgeschrieben, wo wir unser Projekt einreichten.

 

Welches überzeugte – Sie gewannen den Wettbewerb. Worin lag die grösste Herausforderung?

 

Uns reizten sowohl die Grösse des Grundstücks sowie gesellschaftliche Aspekte. Mit 20’000m2 nimmt die zu bebauende Fläche ein beachtliches Gewicht im Gefüge des gesamten Dorfes ein – und stellt damit eine aussergewöhnliche Aufgabe für uns Architekten dar. Sinn des Wettbewerbs war – unter Berücksichtigung der sozialen Durchmischung – eine Art Dorf im Dorf zu erschaffen. Diese Anforderungen bildeten einen Gegenpol zur urbanen Nachverdichtung, mit der sich unsere Arbeit heute grösstenteils befasst. Uns interessierte der Siedlungsbau mit seinen sozialen Aspekten – die Siedlung als Gegenpol zum Einfamilienhausmodell. Als ein Ort der Begegnung, wo man zusammenlebt und Nachbarschaft entsteht. Hinzu kam das Interesse an der Baukultur: Viele Weinländer Dörfer sind von ausserordentlich schönen Ortsbildern geprägt. Wir fragten uns, wie sich ein historisches Dorf wie Ossingen weiter entwickeln kann.

 

Wie kann das gelingen?

 

Wir planten ein Zentrum mit nahe beieinander liegenden Häusern, so dass enge Gassenräume entstehen und die Erhaltung grosszügiger Freiflächen möglich wird. Es lässt sich leicht sagen, Einfamilienhäuser seien kein tragfähiges Modell für das Wachstum von Dörfern. Schwieriger ist es, alternative architektonische Lösungen für eine zeitgemässe Interpretation dörflicher Dichte zu finden. Eine inspirierende Herausforderung, der wir uns stellen wollten.

 

In ihrem Vorhaben nehmen Sie bewusst Bezug auf den Ort und stellen es in den Kontext des bereits Vorhandenen. Was genau verstehen Sie unter «zeitgemässer Interpretation dörflicher Dichte»?

 

Zeitgemäss ist das Vorhaben per se: Wir bauen heute eine reine Wohnsiedlung, während die historischen Gebäude unterschiedlichsten Zwecken dienten. Nebst reinen Wohnhäusern gab es Ställe oder Mehrzweckbauernhäuser. Die Interpretation bezieht sich auf das baukulturelle und künstlerische Erbe des Weinlandes. Wir bemühten uns, dessen wesentliche Merkmale aufzunehmen und umzusetzen. Auf die Dorfstruktur gehen wir mit gestalterischen Entscheiden ein: Indem wir etwa Satteldächer statt Flachdächer bauen oder den Gebäuden unterschiedliche Höhen geben. Die Form des Satteldachs schien uns passend, da es eine grosse Vielfalt an Raumhöhen und -formen ermöglicht.

Wir übernahmen die grosse Vielfalt unterschiedlicher Typologien: Wie im Dorf, wo repräsentative Steinhäuser mit niedrigen Scheunen aus Holz variieren, planten wir zwei unterschiedliche Gebäudetypen. Wir arbeiten zwar mit dem Fundus und dem Verständnis lokaler Traditionen, transformieren diese jedoch in eine eigenständige Sprache.

 

Wie muss man sich das vorstellen?

 

Nehmen wir als Beispiel die Materialien: Als Referenz zu den Scheunen und Ställen im Dorf bauen wir Holzhäuser mit grosszügigen Lauben. Im Unterschied zum Alten schaffen wir jedoch mit einer Serialität und Abstraktion bei den Holzstäben der Lauben einen eigenständigen Ausdruck. Daneben gibt es Steinhäuser mit einem Treppengiebel, wie er in fast jedem Weinländer Dorf zu finden ist. Bei uns jedoch gibt es unterschiedliche Treppen – eine klare Bezugnahme zum historischen Vorbild, aber in reduzierter, variierter und neu interpretierter Form. Auch ändert sich das Material: Es wird gemauert, aber mit einem porösen, homogenen Backstein, der die aktuellen Wärmedämmvorgaben erfüllt. Mit diesem Stein wird die gesamte Dicke der Mauern von aussen sichtbar, die reliefartig zum Fenster hinläuft. Bei den Türen entstehen damit Portale, die mit Kunstwerken des Holzbildhauers Werner Ignaz Jans zusätzlich aufgewertet werden. Jans hat sich intensiv mit der Geschichte Ossingens und dem heutigen Leben im Dorf auseinandergesetzt und seine Arbeiten sind ein grosser zusätzlicher Gewinn für das Projekt.

(Interview von Katharina Flieger)

 

 

 

Die Holzarbeiten des renommierten Künstlers Werner Ignaz Jans bringen Reliefs aus der Geschichte Ossingens, die nichts beschönigen, mit heutigen Figuren zusammen: spielende Kinder, Eltern am Smartphone. Mehr über seine ausgiebige Recherche und seinen Blick auf das Landleben lesen Sie im Interview:

Kunst am Bau: Ossingen gestern und heute

In Orenberg entsteht nicht nur eine besondere Siedlung, sondern auch ein wichtiges Kunstwerk des renommierten Künstlers Werner Ignaz Jans. Er vermochte mit seinem Beitrag zum Kunst-am-Bau-Wettbewerb die Jury zu überzeugen. Ein Interview mit dem Bildhauer über seine Arbeit und deren engen Bezug zur Ossinger Geschichte.

Herr Jans, Sie sind ein aufmerksamer und präziser Beobachter ihrer Umgebung. Ihre Werkstatt ist bevölkert von unterschiedlichsten Holzfiguren – schmächtige und gewaltige, lebendig scheinende und ermattete Gestalten sind da versammelt. Was inspiriert Sie?

 

Ich beobachte meine Umwelt, meine Mitmenschen und mich selbst sehr genau. Damit gelangen Bilder in eine Art inneres Inventar das ich abrufe, sobald ich mit einer neuen Arbeit beginne. Ich bin ein analoger Mensch und denke sozusagen mit den Händen. An einem Werk arbeite ich so lange, bis ich das Gefühl habe, es beginne zu erklingen. Sobald ich merke, dass mein innerer Druck nachlässt, höre ich auf. Mit Abstand von einigen Wochen schaue ich mir die Arbeit dann nochmals an und überarbeite falls nötig. Ein körperlich wie psychisch anstrengender Prozess, der mit einiger Ermüdung verbunden ist.

 

Trotzdem wirken Sie keineswegs müde – im Gegenteil. Den Wettbewerb für das Kunst-am-Bau-Projekt der Siedlung Orenberg in Ossingen entschieden Sie als ältester Teilnehmer für sich. Was interessierte Sie, was ist ihr Bezug zum Weinland und zum Land im Allgemeinen?

 

Ich arbeite viel und gern – und bin ein Landmensch. Damit meine ich allerdings eine gänzlich andere Art Land. So wie es früher war. Heute sind viele Dörfer reine Schlafdörfer geworden. Ich lebe und arbeite in Riet – hier gibt es heute noch einen einzigen Bauern. Früher waren all diese Gebäude Bauernhäuser und Ställe. In meinem Arbeitsraum, wo wir uns befinden, waren Kühe untergebracht und nebenan Pferde. Diese Veränderung beschäftigt mich auch in meiner Arbeit, die ich für den Wettbewerb einreichte.

 

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

 

Ich studierte die Baupläne und fuhr nach Ossingen, wo ich mir das Grundstück und das Dorf ansah. Im Gemeindehaus erkundigte ich mich nach Informationen über das Dorf, dort wurde mir eine Chronik zur Gemeinde Ossingen überreicht – über den Zeitraum von der Steinzeit bis zum Ende des letzten Jahrhunderts. Was ich da las, erschütterte mich: Die Menschen lebten vorwiegend von der Landwirtschaft. Ein reicher Bauer besass drei Kühe, ein paar Ziegen, Schweine und Federvieh. Armut und Hungersnöte plagten das Volk, bis 1817 die Kartoffel das Hungerproblem milderte. Eine Wittfrau mit drei Kindern hatte pro Woche Anrecht auf eineinhalb Kilo Brot, und wer Almosen bekam, musste sich dementsprechend kennzeichnen lassen. Weigerte sich einer aus Scham, wurde er mit Entzug der Unterstützung bestraft. Zahlreiche Ossinger Männer standen im Solddienst und nahmen an sämtlichen europäischen Kriegen und den Schweizerischen Religionskriegen teil. Aufgrund der Armut wurde der Weg in die Fremde gefördert: Auswanderungswilligen bezahlte man die «Reise» – eine strapaziöse Wanderschaft – bis Basel. Phasenweise war praktisch die gesamte arbeitsfähige männliche Bevölkerung abwesend.

Diese Armut und die eigene Geschichte sollte man sich vor Augen halten. In den Gassen von Ossingen (und anderen Gemeinden) gab es in bestimmten Jahrhunderten massenhaft Bettler, die von weit her, aus dem Elsass, Bayern und dem Toggenburg ins Weinland kamen. Hier zeigt sich für mich ein Zusammenhang zu den heutigen Fluchtbewegungen. 200 Jahre später dasselbe nochmals, einfach in extremeren Zahlen und aus einer anderen Himmelsrichtung. All die männlichen Flüchtlinge, die derzeit nach Europa strömen – die kommen nicht aus Vergnügen! Ich musste beinahe weinen, als ich mich mit dieser Chronik beschäftigte.

 

Zwischen der Lektüre und dem Kunstwerk liegt ein langer Weg. In welcher Form fliessen diese Geschichten in Ihre Arbeit?

 

Beim Lesen entstanden Bilder in mir, die ich nun wieder loswerden muss. Die vier Portale der Steinhäuser schienen mir ideal dafür: Darauf lassen sich auf je drei Tafeln Szenen dieser Chronik vermitteln, als Bezug zur Geschichte von Ossingen. Im Gegensatz zu diesem historischen Teil der Arbeit widerspiegeln die Holzfiguren in den Laubenhäusern unsere heutige Zeit: Auf der Strasse oder im Bus spricht niemand mehr miteinander, viele haben Knöpfe in den Ohren und den Blick auf das Handy gerichtet. Ich erkenne darin eine besondere Art Einsamkeit der Menschen, die in solchen Momenten die Welt um sie herum kaum mehr wahrnehmen. Diese Besetzung des Digitalen – die zwar unbestritten Vorteile hat, aber wie eine Seuche unser Zusammenleben bestimmt – beelendet mich.

Dieses Thema greife ich auf, indem ich eine Frauenfigur platziere, die ein Selfie macht. Neben ihr sitzt ein Knabe, unter dem Arm ein Ball. Doch seine Mutter ist in ihrer eigenen Welt und würdigt ihn keines Blickes. Zu der Szene hinzu kommt eine männliche Figur, die müde auf einem Koffer sitzt – ein Einwanderer. In der Nähe schwingen ein Knabe und ein Mädchen kopfüber an einer Stange, Figuren die an den Wunsch erinnern, die Welt hin und wieder auf eine andere Art neu anschauen zu können um das Absurde darin zu entdecken. Mit meiner Arbeit möchte ich die Menschen aufmerksam machen. Im Grunde dreht es sich bei all diesen Figuren um Beseeltheit. Es geht um nichts anderes, als dass die Dinge, die man tut und gestaltet, eine Seele haben. Das ist mein Auftrag.

 

(Interview von Katharina Flieger)

 

 

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